Der veraltete Kapitalismus
BAZ Kolumne von Daniel Vischer | 24.01.2012 09:10.
«Der Kapitalismus ist ein bisschen veraltet», moniert WEF-Kapitän Klaus Schwab. Einer, der es wissen muss. Jährlich versammelt er Führungsfiguren, und solche, die sich dafür halten, aus aller Welt und allen Sparten in Davos, um genau diesem Kapitalismus eine möglichst gute weltweite Zukunft zu sichern. Der ist tatsächlich mit neuen Situationen konfrontiert. Nach Fukushima wird die Energiewende nicht mehr aufhaltbar sein. Der arabische Frühling kann eine neue Weltkonstellation mit herbeiführen. Schliesslich ist der Kollaps des internationalen Finanzsystems keineswegs abgewendet. Laut Schwab ist das WEF gefragter denn je. Auch sechs von sieben Bundesräten pilgern nach Davos. Als ob politisch erst was gälte, wer mindestens einmal am WEF war.
Zum WEF gehört die jährliche Gegendemonstration, beide sind gleichsam zum Ritual geworden. Zugleich wird niemand leugnen, es fänden am WEF nicht durchaus sinnvolle Panels etwa über die Energiezukunft statt. Aber auch die Diskussion pro oder contra WEF ist müssig geworden. Das WEF gibt es nun mal, und es ist Ausdruck der hybriden Weltkonstellation, in der sich noch keine globalen staatsähnlichen Führungsstrukturen herausgebildet haben, derweil die Beschränktheit der territorialstaatlichen Struktur offensichtlich geworden ist. Eine wirkliche Macht der UNO, welche die globalen Mehrheitsverhältnisse reflektiert, will der Westen entschieden nicht. Letztlich geht es darum, globalen westlichen Führungsanspruch und Kapitalismus über Tagungen wie das WEF unter den neuen Globaleliten in Schwung zu halten, umso mehr heute, da diese mehr als brüchig geworden sind. Vom euphorischen «Ende der Geschichte» nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs ist jedenfalls nicht mehr die Rede. So hofft denn auch Klaus Schab, «dass das diesjährige WEF dazu beitragen wird, ein neues Führungsmodell zu schaffen», das in der Lage sei, das drohende Burnout zu verhindern. Dazu will er das kurzfristige, situationsbedingte Krisenmanagement durch einen Kompass ersetzen, der auf langfristige Werte setzt. Führungspersonen müssten ihre Verantwortung mit moralischer Integrität wahrnehmen und öffentliches Interesse im Unternehmerischen berücksichtigen. Wunderbar. Allerdings wäre interessant zu wissen, nach welchen Kriterien Schwab denn bei der Einladung darauf schaut, dass nur Führungsleute mit moralischer Integrität erscheinen.
Oder anders gesagt: Warten wir mal ab, wer von der heutigen Teilnehmerliste die Ospels, Fulds (Lehman Brothers) oder Mubaraks sind, die einst als Stars zum WEF kamen, als auch schon viel von Werten und Moral die Rede war. Gleichzeitig hat das WEF bislang nicht bewiesen, besonders vorausschauend zu sein. Weder wurde 2007 die drohende Finanzkrise adäquat erkannt, noch waren in der Folge die dringend nötigen Finanzmarktregulierungen mit Nachdruck Gegenstand der Tagungsschlussfolgerungen. Allerdings: Wie hätte das auch sein können, wo doch die Strukturerhalter und Mitverantwortlichen dieser Krisen diese Anlässe wesentlich mitprägen. Immerhin verdanken wir dem WEF, die neuen Akzente des Diskurses der neuen Globaleliten direkt ins Haus geliefert zu bekommen. Aufgrund von Schwabs Eingangsaussage scheint er im Begriffe zu sein, sich ein bisschen zu «sozialdemokratisieren».
Daniel Vischer / BAZ 24.1.2012

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